Willkommen im „Chateau Schrottgrenze“ in der Kantine im Berghain – Eine andere Welt ist doch möglich!
Mindestens 20 Jahre, wenn nicht gar 25 Jahre habe ich eine gute Freundin nicht gesehen. Es brauchte erst das 20jährige Jubiläum des 2006er Albums von Schrottgrenze: „Chateau Schrottgrenze“, das mit zwei Konzerten regelrecht zelebriert wurde. Eins davon im Berghain, na gut, nicht direkt, sondern in der angehängten Kantine, mit Platz für geschätzt 300 bis 500 Leuten und einem dazu gehörigen großzügigen Biergarten.
Hier tummelte sich dann auch ein mittlerweile mittelaltes Publikum, das – zumindest viele davon – die Band wohl auch über 20 Jahre kennt. Dazu gehörten ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Der Sänger einer Legendenband, die irgendwann mal mit Faith no More verglichen wurden, aus dem Peiner Umland stammend, wo auch Schrottgrenze ihre Wurzeln haben, sein Bruder, der in Berlin bei den Grünen arbeitet, ein richtiger Musikjournalist, lange befreundet mit der Band, zusammen mit seiner Partnerin, die regelmäßig bei den Radio Eins-Sommerhits mitvotet (subtiler Hinweis des Autors: Ich hätte auch Kapazitäten!!!;), ein Punkrock-Urgestein aus Hamburg, der sich selbst als Underground- und Punkrock-Literaten bezeichnet – Schrottgrenze haben bereits 1997 auf einem von ihm zusammengestellten Sampler einen Song beigesteuert – mindestens eine der Kolleginnen von Die Toten Crackhuren im Kofferraum (TSCHIK) und wahrscheinlich auch viele, viele mehr. It´s a Wahlfamily. Aus Gays, Allies, Punks!
Aber zurück zum Anfang: Die lange nicht gesehene Freundin hatte ne Freundin dabei und die hat nen Bruder (Ich weiß, es hört sich wie ne Geschichte aus dem Saarland an!) und der ist hauptamtlicher SPD-Bürgermeister in Bayern und hat nen Doktortitel und heißt damit dann Dr. Vogel. „Lieber Dr. Vogel....“, wer als Schrottgrenze-Kenner diese Zeilen hört, hat sofort den heißesten Kracher vom jetzt zelebrierten Album „Chateau Schrottgrenze“ im Kopf: KONGRESS! Und wenn man jetzt noch weiß, dass die besagte, lange nicht gesehene Freundin die Schwester von Schrottgrenze-Gitarristen Timo Sauer ist, der kann eins und eins zusammenziehen: „Herr Generalsekretär, lieber Dr. Vogel!“. So ist das also entstanden? Zur Wahrheit gehört aber, dass Herr Hr. Dr. Vogel erst seit 2020 hauptamtlicher Bürgermeister ist und „Chateau Schrottgrenze“ schon 2006 entstand. Trotzdem eine schöne weitere Anekdote des Abends im Berghain, der mit einem wirklich mächtigen Intro begann.
Stellt Euch vor, die Beatles hätten einen Song gemacht, in dem sie nur die Buchstaben ihres Bandnamens nennen! Vielleicht gibt es das in dem umfangreichen Katalog der früheren Pilzköpfe, mir ist es soweit nicht bekannt. Schrottgrenze haben so einen Song. Den Abschluss-Song der Original-LP-Version vom „Chateau“, in Berlin als Intro gespielt und bei anderen Bands würde man glauben, wie selbstreferentiell, den eigenen Bandnamen einfach so als Text durchzubuchstabieren, aber bei Schrottgrenze klingt es eher imposant und gänsehautgebend als peinlich.
Und dann ging es gleich mit einem absoluten Kracher des Albums los: „Stadt aus Klebstoff“, eigentlich erst einer der Höhepunkte auf der zweiten Seite der Platte. Und das Konzept zieht sich durch den Abend. Hier wird nicht einfach die Platte von A bis Z runtergespielt! Andere machen das vielleicht, Schrottgrenze nicht. Zwischen den einprägsamen Songs wie „Nichts ist einsamer als das“ und „Am gleichen Meer“ kommen immer wieder zahlreiche B-Seiten und Nebenprodukte aus der Produktionszeit von „Chateau“. Einige von ihnen sind als Bonus-CD damals erschienen oder fanden sich auf der Compilation „Schnappschüsse 1994-2007“ 2015 wieder wie zum Beispiel „Sunset Strip Tumbler“. Songs vom Album selbst wie „Zu Staub“ klingen live 20 Jahre später hingegen noch einmal viel interessanter und mächtiger als vor 20 Jahren auf Platte.
Absolutes instrumentales Highlight dabei das brachiale Intro von „Seit ich alles von Dir weiß“ („to the Point“ sind hier das Einsetzen von Schlagzeug, Bass und Gitarren!), natürlich „Kongress“ und dann für mich der Hit der Platte „Mann am Punkt“, jetzt von der Band „Mensch am Punkt“ genannt, was gleichzeitig den Wandel in der Zeit hin zu einer Queer-Punk-Band ganz gut beschreibt. Ein Song, der immer Gedanken an „Falling Down“ mit Michael Douglas hervorruft. Der Irrsinn des Lebens kann einen eben zum Durchdrehen bringen.
Dazwischen kommt irgendwann das Cover der Band Mutter „Wenn Du da bist“, mit dem deutlichen Hinweis von Frontfrau Saskia Lavaux, dass es trotz Streaming-Diensten immer noch möglich ist, Alben so richtig auf Platte zu kaufen, im Laden oder online (zum Beispiel: Mutter - „Hauptsache Musik“ 1994). Natürlich durfte auch „Fotolabor“ nicht fehlen, gleichzeitig der Titel des auch 2015 erschienen Best-Of-Samplers. Dieser läutete nach einer langen Bandpause (im Booklet zum Best-Of-Album beschreibt Carsten Friedrichs von Die Liga der gewöhnlichen Gentleman und Label-Vertreter bei Tapete Records die Bandgeschichte recht ausführlich) einen Re-Start ein.
Mit dem 2017er Album „Glitzer auf Beton“ startete eine Art von Queer-Punk-Trilogie mit den weiteren Alben „Alles zerpflücken“ und „Das Universum ist nicht binär“. Nachdem noch „Das Lied vom Schnee“ und „Fernglas“ vom 2004er Album „Das Ende unserer Zeit“ sogar noch die Zeit von vor „Chateau“ auf die Bühne in Berlin holten, schlossen sich quasi in einem zweiten Set die Hits der „Queer-Punk-Trilogie“ an und – was soll man sagen – Schrottgrenze haben gezeigt, dass eine andere Welt doch möglich ist!
Bei der derzeitigen Hetze gegen queere Menschen und dem gesamten konservativen Rollback in unserer Gesellschaft ist es erfrischend, „Lieb doch einfach, wen Du willst“ laut zu hören und mitzusingen. Es sind doch eher „Traurige Träume“, wie im gleichnamigen Schrottgrenze-Song, die zurzeit durchs Land gehen – ähnlich wie zu Beginn der Neunziger, als Die Ärzte mit ihrem „Schrei nach Liebe“ ein ähnliches Framing um das Thema gaben. Und so ergibt sich auch in Bezug auf Schrottgrenzes Bandgeschichte eine traurige Entwicklung. Wiederholt sich Geschichte jetzt als Farce? Begonnen haben Schrottgrenze in biederstenen Helmut-Kohl-Jahren. Und jetzt sind wir bei Friedrich Merz, Jens Spahn und einer immer stärker werdenden AfD angekommen. Schrottgrenze zeigen mit ihren immer auch politischen Songs, das man das aber nicht akzeptieren kann und will. Bitte weitermachen und kämpfen!
...und ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später
Der Gig in der Kantine im Berghain ist schon ein paar Tage her. Aber diese Woche habe ich einen Rentner im Netto um die Ecke gesehen, der hatte ein T-Shirt der Punkband Hüsker Dü an! Eine Band, mit der Schrottgrenze früher verglichen wurden und dann hab ich gedacht, das muss ein Zeichen sein. Jetzt musst Du doch was dazu schreiben. Ich würde mittlerweile andere Referenzen als Hüsker Dü sehen. Wie schon in anderen Texten geschrieben, kommen gerade beim „Chateau“ eher The Cure-Vibes durch. Die Queer-Trilogie erinnert mich immer mehr an Ziggy Stardust and the Spiders, das Alter Ego von David Bowie. Vielleicht nicht so sehr musikalisch, aber von Message und Style her schon. Leadsängerin Saskia ist großer Guided by Voices-Fan. Das hört man bei "Chateau" in jedem Fall auch. Genau wie auch immer wieder Tocotronic rauszuhören oder besser gesagt kryptisch "rauszulesen" ist. Womit wir in den oberen Schubladen des popkulturellen Feuilletons angekommen sind. Musikalisch ist man im Berghain aber insgesamt dann doch vielleicht auch wieder zurück bei Hüsker Dü. Die Gitarren bei Schrottgrenze klingen live – so ganz punkuntypisch – so „clear“, als wenn sie einen eigenen Effekt mit der Einstellung „so clear wie nur möglich“ hätten!
Am 20.02.2027 spielen Schrottgrenze das gleiche Set nochmal in der Elb-Philharmonie, im Kleinen Saal, Hamburg, Tickets gibt es hier!
Chateau Schrottgrenze gibt es noch als Picture LP bei Tapete Records. Wie auch noch einiges aus dem Back-Katalog und weiteres Merchandise im Schrottgrenze Shop.
Wir freuen aus auf die weiteren Plattenjubiläen: Nächstes Jahr ist das psychedelische „Schrottism“ dran und dann kommt 2028 das legendäre richtige Debut-Album „Super“!
ZuArchitekturTanzen ist in voller Vorfreude!
Achtung: Queer-Pop-Indie-Punk auch und gerade für Hetero-Boomer!
Schrottgrenze bringen mit ihrem neuen Album „Das Universum ist nicht binär“ Fotos, Platten, Narben und das „Warten auf Hoffnung“ in unseren manchmal grauen Alltag.
„Stell Dir vor, wir wachen auf und alle so: Yeah! Und es wer der allerschönste Morgen, denn das Patriarchat wäre gestorben. Yeah! “
Auf ihrem Album „Super“ aus dem Jahr 1998 erklingt bei dem Song „Skycrapper Ballad“ ein wunderbar gehauchtes „Ja, Klar“, das von einem Freund der Band, der zufällig bei den Aufnahmen dabei war, eingesungen wurde. Ebenjener alte Wegbgleiter war dann natürlich auch 25 Jahre später im Berliner Schokoladen dabei, als Schrottgrenze ihr neues Album „Das Universum ist nicht binär“ vor einem fein auserwählten Publikum zur Release-Party präsentiert haben. Die oben aufgeführte Passage vom ersten gleichnamigen Track des jetzt bei Tapete Records erschienenen Albums hat mit „Yeah!“ auch ein „Ja, klar!“ – diesmal allerdings mächtig und nachhaltig von einem Frauenchor eingeshoutet.
Beides ist konsequent und symptomatisch. Schrottgrenze haben sich über die fast 30-jährige Bandgeschichte eine hartgesottene Fanbase erarbeitet, von denen dann auch einige – wie eben jener langjährige Bandfreund – im „Schokoladen“ dabei waren. Dazu kommen jetzt aber auch ganz viele neue und buntere Leute aus der queeren Szene, die lauthals das „Yeah!“ bei „Das Universum ist nicht binär“ mitgesungen haben, sofern sie das Album einen Tag nach der Veröffentlichung (11. Februar 2023) bei dem Gig schon gehört hatten.
Es ist schwer – und wir haben hier ja auch immer wieder das große leidige Jenre-Thema – Schrottgrenze in eine Schublade zu pressen. Aber wahrscheinlich lässt sich das Ganze jetzt nach drei Alben in dieser Richtung, was die Band jetzt als Trilogie bezeichnet, irgendwie als Queer-Pop-Indie-Punk bezeichnen.
Darf man denn als waschechter Hetero-Boomer Queer-Pop-Indie-Punk hören? Zwei Filme und ein Song fallen mir als Antwort auf diese Frage ein. Und natürlich Schrottgrenze mit diesen drei Alben („Glitzer auf Beton“, „Alles Zerpflücken“ und „Das Universum…“), die sich nach der Wiedervereinigung 2014 nach einer längeren Band-Pause dann später vollends dem gesellschaftlichen Kampf gegen Geschlechter-Klischees, altbackene Rollenbilder und misogyne Queer-Feindlichkeit gewidmet haben. Bevor wir hier ins Detail gehen, vielleicht erst einmal zu den angedeuteten zwei Filmen und dem Song, der das ganze Werk eigentlich ganz schön zusammenfasst.
Ich bin immer noch emotional hin und weg, wenn ich an eine Szene aus dem Film „Milk“ (2008) mit Sean Penn denke, der die wahre Geschichte der US-Schwulen-Ikone Harvey Milk erzählt. Milk hatte sich als einer der ersten bekennenden Schwulen in den USA um politische Mandate beworben und wurde nach mehreren Anläufen sogar Stadtrat. In der besagten Szene ruft ein verzweifelter junger schwuler Mann bei Milk an und erzählt ihm davon, dass er aufgrund der Ressentiments seiner Familie gegen ihn nicht mehr weiterleben will. Milk bittet ihn darum, dass er sofort abhauen und zu ihm kommen soll. Das geht aber nicht: Der junge Mann sitzt im Rollstuhl.
Auch der zweite Film beruht auf wahren Begebenheiten: „Pride“ (2014) zeigt die Unterstützung schwuler und lesbischer Menschen aus London für den großen Streik der britischen Bergarbeiter-Gewerkschaft gegen die Thatcher-Regierung und ihren sozialpolitischen Kahlschlag. Anfänglich stößt die Gruppe „Lesbians and Gay support the Miners“ auf Skepsis bei den mürrischen Bergarbeiter-Kumpels aus Wales. Nach Ende des Streiks kommen die Bergarbeiter nach London und führen hier die Gay Pride-Parade 1985 an. „Solidarity City“ at its best, um es mit einem Schrottgrenze-Song vom vorangegangenen Album „Alles Zerpflücken“ zu sagen!
Und um die oben aufgeworfene Frage gleich unmissverständlich zu beantworten: Nein, man darf als Hetero-Boomer nicht nur Schrottgrenze hören, man muss es sogar! Denn wenn man das nicht macht, gehen wunderbarste Melodien und eine herrlich bunte Sicht auf die Welt einfach an einem vorbei. Und das wäre wahrlich sehr schade und traurig!
Fotos, Platten, Narben und „Das Warten auf Hoffnung“
Bevor das erste neue Album nach dem Neustart herauskam, brachten Schrottgrenze eine Compilation ihrer früheren Werke raus. Alles begann dabei mit dem Sichten und Posten alter Fotos und mit „Zeitmaschinen“, der einzigen Neuveröffentlichung auf dem Werk mit dem Titel „Fotolabor 1995-2015“. Auch die beiliegende Raritätensammlung „Schnappschüsse 1994-2007“ hat das Fotomotiv schon im Titel. Man hätte es auch mit dem Thees Uhlmann-Song „Die Toten auf dem Rücksitz“ betiteln können, denn erstens haben Schrottgrenze genau wie Grandmaster Thees ihre Ursprünge auch in Niedersachsen und zweitens, könnten die in dem Song dargelegten Leitmotive „Fotos“, „Platten“, „Narben“ und vor allem „Hoffnung“ auch für Schrottgrenze als Überschriften dienen. Das gilt umso für das neue Album „Das Universum ist nicht binär“.
Fotos
Fotos bzw. auch Videos sind wunderbare Mittel, um Gefühle auszudrücken. Und so sind sowohl Plattencover wie vor allem auch die Videos zu den bisher erschienenen vier Singles zu „ Das Universum…“ eine herrliche Darstellung einer bunten Welt, mit Glamour, Schminke, Glitzer und coolen Klamotten, die manchmal im Gegensatz zu den teilweise sehr ernsten Texten steht. „Dysphorie“ beispielsweise beschreibt den Lebensweg eines queeren Menschen, der gegen die Widerstände in Familie und Gesellschaft kämpft. Die Person findet sich in dem per Geburt zugeordneten Geschlecht eben nicht wieder. Sängerin Saskia Lavaux beschreibt hier ihren eigenen Lebensweg: „Und alle kenne mich besser als ich mich.“ Ähnliches gilt für „Emanzipation und Alltag“, wo auch selbstkritisch auf die eigenen „großen fragilen Sprüche“ eines früheren Lebens zurückgeschaut wird. Titeltrack „Das Universum ist nicht binär“ hingegen ist eine vor Kraft strotzende Hymne, die mit Powergitarren eine Vision einer besseren Welt aufzeigt. Gleiches gilt für „Happyland“, das die zweite Kollaboration mit einer Sängerin ist. War es auf „Alles zerpflücken“ noch Sokee, die bei „Traurige Träume“ mit ihrer Rap-Einlage den Schrottgrenze-Sound bereichert, so ist es jetzt Finna. Das Cover bei Spotify zeigt Saskia und Finna entschlossen Schulter an Schulter stehend und auch bei dem Auftritt im "Schokoladen" war Finna so präsent dabei, als wenn sie selbst Teil der Band ist und hat konsequenterweise auch gleich „Traurige Träume“ mit einer eigenen Gesangseinlage bereichert.
Platten
Schrottgrenze haben mittlerweile einen eigenen Back-Katalog zahlreicher Platten. Eine Aufzählung wäre etwas zu mühselig, da beispielsweise das Erstlings-Werk nicht mehr wirklich genannt werden will und auch eine frühere Album-Aufnahme auf einmal „verschwunden“ ist, von der dann aber später weniges auf Demo-Compilations erschien. Dennoch haben Schrottgrenze ihre Wurzeln im klassischen deutschen Punk. Das bestätigt Saskia auch in einem Interview mit dem Deutschlandfunk und macht auch hier deutlich, dass Elemente der Punk-Attitüde noch Teil der Schrottgrenze-DNA sind. Vielleicht lassen sich aber dennoch einige andere Referenzplatten mit den heutigen Schrottgrenze-Songs vergleichen? Da ist zum einen sicher „Disintegration“ von The Cure. Nicht nur der Titel ist passend. Saskia ist großer The Cure-Fan und das hört man vor allem im melancholischen „Immer für dich da“, aber auch an anderen Stellen heraus. Zum anderen ist da sicher auch David Bowie zu nennen. Das gilt teilweise für den Sound, aber vor allem für den Style, den Bowie mit seiner Kunstfigur „Ziggy Stardust“ geradezu zelebriert hat und der ganz klar Einzug in das Konzept für das Video von „Das Universum ist nicht binär“ gefunden hat. Das ist nur konsequent, denn bereits auf „Super“ gab es eine große Verneigung an „Die Kinder vom Bahnhof Zoo“ in dem Song „S.D.G.S.I.L.“. Den wichtigsten Song hatte auch hier David Bowie mit „Heroes“ beigesteuert.
Narben
Narben gibt es viel auf „Das Universum…“. Neben den schon angedeuteten Widerständen im Leben von queeren Menschen in den Singles des Albums wird es vor allem tiefgehend, wenn entsprechende Lebenswege auch mit Namen konkret versehen werden. Wie beim Song „Roman und Ines“, der eine Art Abschluss der eigenen Song-Trilogie in der gesamten Alben-Trilogie ist. Auf „Glitzer auf Beton“ wurde bereits über „Christiane“ gesungen, bei „Alles Zerpflücken“ war es „Morice“ und jetzt eben der Song „Roman und Ines“, der die Geschichte von schwulem und lesbischem Leben in den 80ern der Bundesrepublik anhand zweier Liebesgeschichten erzählt. Auch in den anderen Songs treten immer wieder die Verletzungen zutage, die queer Menschen erleben mussten. Aber – und das ist ein Kunststück – nie bitterböse und resignierend, sondern mit einer Vision für eine bessere Welt werden die Narben eher als Motivation für den tagtäglichen Kampf verstanden und dargestellt.
Hoffnung
Was wiederum Hoffnung auf ein besseres Morgen macht. So heißt es im Refrain der Bubble-Pop-Hymne „Girlanden“: „Warten, warten auf Hoffnung, […] warten, warten auf Morgen!“. Ein Morgen, in dem eben nicht nur „Männerphantasien“ die Musikindustrie prägen und in der die „Boomer“ nachts keine Tränen mehr über ihre Kinder verlieren müssen, die ein anderes Leben mit viel Buntheit und einer konsequenten Achtung unserer Umwelt wollen, sondern sie dabei vielleicht anfangen zu unterstützen. Eine Welt, in der die "Bürokratie" eben nicht einer der größten Gegner des Menschen ist, sondern in der der Staat die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenswelten konsequent unterstützt.
Hoffnung! Hoffnung auf eine andere Zeit geben Schrottgrenze und haben mit eben jenen Songs „Girlanden“ und „Boomertränen“ auch mal gleich zwei absolute Ohrwurm-Hits rausgehauen, die in dem durchweg wunderbaren Album noch einmal extra herausstechen. "Girlanden" glänzt dabei mit einer Mischung aus Synthie- und Gitarrenwand und der eingängige Bass-Lauf bei "Boomertränen" ist typisch Schrottgrenze-Sound, der an verschiedene Songs auf dem Klassiker "Chateau Schrottgrenze" von 2006 erinnert. Die Rolle von Bassisten in Bands wird ja generell eher unterbelichtet dargestellt. Umso wichtiger sind sie aber für den satten Sound ;).
Und ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später…
Ihr habt es vielleicht herausgehört: Ich bin hier etwas befangen! Aber das liegt weder daran, dass ich Angst davor habe, als Kritiker vom Schrottgrenze-Tourmanager nach einer Schmähkritik mit Hundekot beschmiert zu werden noch daran, dass ich einen Teil der Band schon länger kenne. Sondern vielmehr daran, dass ich seit mittlerweile fast drei Jahrzehnten vom Produkt mehr als überzeugt bin! Der Weg vom Punk – sogar mit einem Beitrag auf dem legendären „Chaostage 1995-Sampler“ – hin zu dem jetzigen Zeitpunkt, wo sich zwei grüne queere Bundestagsabgeordnete noch Stunden nach dem Konzert im „Schokoladen“ lange intensiv mit Saskia Lavaux unterhalten, war weit.
Timo, der Gitarrist der Band, hat mir mal im Scherz gesagt, ich sei ein „Boomer“. Wir konnten das im Nachgang im „Schokoladen“ endlich aufklären. Er bezog sich darauf, dass ich noch hauptsächlich dieses Facebook nutze und nicht wegen meines VW-Diesel 😉. Aber es ist mir auch irgendwie egal.
Ob Boomer, hetero, queer oder was oder wer auch immer: Hört endlich konsequent Schrottgrenze und die Welt wird dabei etwas schöner!
„Good Vibes only, in den Stories!“ (Happyland)
Gewinnspiel:
Welcher Schrottgrenze-Song schaffte es 1996 auf den Sampler „Chaostage 1995: Grüße aus Hannover“?
Vielleicht wisst Ihr es so. Sonst nutzt die einschlägigen Portale oder hört Euch durch den ganzen Sampler ohne Titelangabe hier an 😉. Viel Erfolg!
Konzertbericht Berlin 2021:
Die Liebe, die Freiheit und das Leben am Einheitswochenende
Schrottgrenze spielen in Marzahn-Hellersdorf den Soundtrack für ein Land, wie es aussehen könnte.
In dem Ärzte-Song „Mit dem Schwert nach Polen, warum René?“ vom im Lichte der Nazi-Krawalle Anfang entstandenen Album „Die Bestie in Menschengestalt“ (zum aktuellen Ärzte Album Dunkel klickt mal hier drauf) heißt es über Berlin-Marzahn: „Wohnst im Marzahn, das ist ziemlich hart.“ Wenn man den langen trostlosen und tristen Weg zum Festivalgelände des diesjährigen „Roter Baum Festivals“ fährt, weiß man ungefähr, was sie damit meinten. Platte an Platte, leicht modifizierte (als modernisiert bezeichnete) Platte an Tankstelle, Tankstelle an ans Umfeld angepasste Einkaufscentren, Wohnblöcke direkt an Durchfahrtsstraßen und Tramlinien. Gut, letzteres ist praktisch – man kommt schnell weg! Wer mag da schon wohnen? Eine ganze Menge toller Menschen, sogar mit Familien, mit Kindern, mit politisch toller und offener Einstellung, bunt, weltoffenen, für Berliner Verhältnisse sogar freundlich, wenn man sich das Publikum beim Schrottgrenze-Auftritt am Abend dort so anguckt. Und die Annahme ist hierbei sogar sicherlich nicht gewagt, dass ein Großteil der auf dem Festivalgelände verteilten ca. 500 Menschen auch von da wegkommt, wie man in Berlin und Brandenburg sagt. Der Berliner (hier wird auf das Gendern verzichtet) an sich fährt schließlich nicht abends aus seinem Bezirk weg. Schon gar nicht für eine Band wie Schrottgrenze. Diese Einstellung ist jedoch garantiert ein Fehler, wenn man den Abend Revue passieren lässt!
Marzahn-Hellersdorf hat es der Band irgendwie angetan. So spielten sie schon 2019 auf dem „Schöner leben ohne Nazis“-Festival auf einem recht trostlosen anderen Platz des Bezirks. Aber die Vermutung liegt vielmehr auf der Hand, dass die Band damit die zahlreichen Initiativen unterstützen will, die den Bezirk bunter machen wollen. Sowohl beim „Roter Baum“- wie auch beim „Schöner Leben ohne Nazis“-Festival nahmen die Organisatoren keinen Eintritt. Die Festivals finanzieren sich ausschließlich über den Verkauf von Speisen und Getränken und Spenden und meine Hoffnung ist, dass Bund, Senat oder Bezirk hier auch den ein oder anderen Euro hinzugegeben haben. Das wäre jedenfalls eine sinnvolle Beteiligung am Gemeinwesen und ist bei all dem, was man in dieser Stadt sonst so verpulvert, sinnvoll investiert. Für eine fette Gage der Band wird es wohl eher nicht reichen. Schrottgrenze sind Idealist*Innen ihrer Sache. Kurz gefasst ist das Motto der Band: „Lieb doch einfach, wen Du willst“, ein Song für die „Sterne“ in unserem Leben, die dieses manchmal etwas triste bunter machen.
Ich bin kein Experte in queeren Themen, daher überlasse ich die Aufzählung der zahlreichen bunten Menschen lieber der Band selbst. Saskia Lavaux, der queere Trans-Mensch und Frontrunner der Band zählte sie immer wieder an dem Abend auf und ein Großteil der neueren Songs der Band richtet sich direkt an dieses Publikum. Für die Liebe, die Freiheit und das Leben – das könnte als Motto über diesem Abend stehen.
Richtig viel Mühe haben sich die Veranstalter*Innen dieses Festivals gegeben. Der ganze Tag wurde durchorganisiert. Mit vielen Ständen für Essen und Trinken, zum Großteil vegan oder mindestens vegetarisch – schließlich waren auch Friday for Future da – mit zahlreichen Angeboten für Familien mit Kindern, mit einer Rampe zu einem eigenen Podest für Rollstuhlfahrer*Innen, mit auch zum späteren Abend noch sauberen Dixi-Toiletten (!!!) und einem durchdachten Corona-Konzept. 3G war angesagt, man musste sich vorher anmelden, es gab eine Corona-Teststation vor Ort, bei der auf den letzten Metern vor dem Ende der kostenlosen Corona-Bürgertests unserem Jenser nochmal Geld aus der Tasche gezogen wurde und sowohl die Anmeldungen wie auch die Impf-, Test- oder Genesenen-Atteste wurden ordentlich begutachtet. So kann es also laufen, das Festival-Leben in Corona-Zeiten. 3G, draußen und alle achten ein bisschen aufeinander. Das gibt doch Hoffnung!
Hoffnung machten dann auch Schrottgrenze mit ihren Songs, die ein klares Statement für ein anderes Deutschland abgeben. Eines, wo Liebe, Freiheit, Toleranz, Solidarität und Menschlichkeit die Leitlinien sind. „Life is Queer“ und der „Januar Boy“ sind wunderbare Statements dazu. Gleich zu Beginn spielen sie auch „Am gleichen Meer“, in dem die Band Kindheitserinnerungen ihrer Nordsee-Urlaube verarbeitet: „Und in den Kugeln ist Hass drin, früher wie heute. Und die Kurtaxe von Morgen zahlen mit Sicherheit die gleichen Leute“. Wer wie wir ein paar Urlaubstage an der Ostsee jetzt gebucht hat, wird sie auch wieder zahlen müssen: Die berühmte Kurtaxe – eine Gebühr dafür, dass man den Strand benutzen darf! Natürlich zusätzlich zu den Hotelkosten, wo leben wir denn auch? Ja, das ist halt Deutschland im Jahr 2021. Nach ein paar weiteren Songs und „Fotolabor“, ebenso wie „Am gleichen Meer“ von „Chateau Schrottgrenze“, bemerkt Saskia, dass ein wohl zwischendurch vor der Bühne eingeschlafener Festivalteilnehmer aufgewacht ist. Jetzt geht es also richtig los.
Schrottgrenze spielen an dem Abend ein buntes Set ihrer mitlerweile ordentlich gewachsenen Playlist-Möglichkeiten. Im Fokus stehen die Songs der letzten beiden Alben „Glitzer auf Beton“ und „Alles Zerpflücken“, in denen sie vor allem die vorher angesprochenen queeren Themen mit wunderbar eingängigen Gitarrenriffs und melodischem Gesang „durchdiskutieren“. Die beiden den Alben den Titel gebenden Songs sind wie mittlerweile auf allen Schrottgrenze-Konzerten immer echte Highlights. Ein ganz besonderer Song von „Alles zerpflücken“ ist auch „Traurige Träume“, ein Song über bzw. ganz klar gegen Nazis. Ein wichtiges Statement in Marzahn-Hellersdorf und eine Kollaboration mit der Rapperin Sookee, die aus persönlichen Gründen nicht mehr als Sookee auftritt und als Sukini nur noch Kindermusik macht. Auf ihrem letzten Kindermusikalbum mit dem wunderbaren Titel „Schmetterlingskacke“ spielt auch Saskia Lavaux eine Rolle. Beide performen eine tolle Version des Antilopengang-Hits Pizza mit „Glitzer“. Sookee hat zu ihrem Abschied aus der Rapszene mehrfach deutlich Stellung bezogen, sogar in der FAZ. In jedem Fall: Lesen!
Schrottgrenze haben mit ihrem gemeinsamen Song mit Sookee die Türen aufgestoßen. Lange vor den Ärzten, die auf ihrem neuen Album Dunkel mit „Kerngeschäft“ zusammen mit der Rapperin Ebow einen Mix aus Punk und feministischem Rap liefern, taten dies Schrottgrenze mit „Traurige Träume“. Vielleicht ist das die Zukunft, die auch der Jugend gefällt? Die Jenre-Grenzen brechen auf, die Bands vermischen feministischen Rap mit Punk und die Rapper*Innen machen Punk-Alben wie die Antilopengang. Deichkind, Die Toten Crackhuren im Kofferraum und K.I.Z. lassen sich sowieso nicht mehr irgendwo reinpressen – schon gar nicht musikalisch. Ähnlich ist es mit Schrottgrenze: So ist die jüngste Veröffentlichung eine Indie-Version von "Wieder sehen" der wütenden Berliner Band Shirley Holmes . Was ist das also? Punk ist es nicht mehr, aber die neue Schublade hat noch keinen Namen. Braucht vielleicht auch keinen.
Es eint alle genannten Bands die Kritik an gesellschaftlichen Umständen und ernste Themen. So verwundert es nicht, dass Schrottgrenze auch auf einem Tribut-Album für Ton Steine Scherben mit ihrer Version von "Menschenfresser“ vertreten sind. Eine düstere Atmosphäre lieferten sie dann auch an dem Abend im Marzahn mit dem „Lied vom Schnee“ vom 2004er Album und dem bezeichnenden Titel „Das Ende unserer Zeit“. Mit „Mann am Punkt“ – wieder von „Chateau Schrottgrenze“ – nahm dann die Band auch sogar noch das Thema Mieten auf. Passend zum gerade abgehaltenen Volksentscheid „Deutsche Wohnen enteignen“. Man muss sich nicht direkt wie Saskia zu diesem Entscheid bekennen, um zu merken, dass etwas bei Mieten einfach nicht stimmt in Deutschland. Unterzeichner*Innen, die in meinem Freundes- und Kolleg*Inenkreis nicht gerade dem linksradikalen Spektrum entstammen, betonen, dass die Politik einfach dieses Signal braucht. Hoffentlich passiert hier bald was!
Mit dem alten Klassiker „Lila will heim“ verließen wir passend das Festivalgelände. Da die Kinder nach Hause mussten bzw. wir wollten, dass sie jetzt aus Gründen nach Hause müssen sollen 😉, haben wir die Zugaben nicht gehört. Ich tippe auf „Reibung, Baby!“ und „Belladonna“. Auch alte Klassiker. Punkrock. Alte Schule. Für solche Momente von alten Fans mit Kindern wäre es nach der nächsten Clubtour durchaus mal angesagt, eine Liveplatte einzuspielen. Normalerweise sind Live-Alben immer ambivalent zu sehen, aber bei Schrottgrenze wird es sicherlich „Reibung“ geben. Wer bis dahin nicht warten mag, kann sich gerne im umfangreichen Back-Katalog der Band bedienen. Vor kurzem erschien beispielsweise eine Bild-Vinyl Version von „Chateau Schrottgrenze“ samt dazu gehörigem erklärenden Podcast. Reinhören und Rocken! Dann ist auch der Marzahn nicht mehr ganz so hart.
PS: Im Nachgang hat Saskia berichtet, dass es keine Zugabe mehr gab. Wahrscheinlich wegen der klaren Zeitabläufe. Das Festival fand mitten im Wohngebiet statt. Die beiden hier genannten Songs wären aber sehr gute Zugaben geworden! Noch mehr Argumente also zum Besuch der nächsten Tour und für ein Live-Album😎.
Zum Tag der Deutschen Einheit lieferten die mit Schrottgrenze verbundenen Wohlstandkinder bereits vor vielen Jahren den Soundtrack. Hört selbst rein, ob es für Euch passend ist.